Why AI will never take my job
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Trainings-Apps, KI-gestützte Bewegungsanalyse, virtuelle Coaching-Assistenten – künstliche Intelligenz hält Einzug in Dojos und Fitnessstudios weltweit. Manche feiern das als Revolution. Andere sind skeptisch, können aber nicht genau benennen, warum.
Drei Philosophen – ein jüdischer Denker aus Wien, ein Technikethiker aus Gent und ein amerikanischer Medienwissenschaftler aus Illinois– liefern die Antworten. Keiner von ihnen hat je in einem Dojo trainiert. Und trotzdem beschreiben sie präzise was im Kampfsport wirklich passiert – und was davon kein Algorithmus der Welt replizieren kann.
1. Echte Begegnung schlägt Optimierung – warum Sparring mehr ist als Techniktraining
Martin Buber, Philosoph der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unterschied zwei grundlegende Haltungen, mit denen wir der Welt begegnen: das „Ich-Es“ und das „Ich-Du“.
Im Ich-Es-Modus behandeln wir alles als Objekt. Wir analysieren, kategorisieren, optimieren. Das ist die Logik moderner Fitness-Apps: Kalorienverbrauch tracken, Herzfrequenz messen, Bewegungsqualität durch Algorithmen bewerten. Der Körper wird zum Datensatz.
Im Ich-Du-Modus begegnen wir einem Gegenüber wirklich. Nicht als Problem, nicht als Datenpunkt, sondern als Wesen, das uns überrascht, herausfordert, verändert.
Kampfsport erzwingt das Ich-Du. Man kann nicht mit dem Handy in der Hand sparren. Man kann nicht analysieren, während man angegriffen wird. Der Körper des Trainingspartners lässt keine mentale Abwesenheit zu. Gutes Sparring ist vollständige Präsenz auf beiden Seiten gleichzeitig.
Das erklärt, warum viele Kampfsportler*innen das Sparring als beinahe meditativ beschreiben. Nicht weil es entspannend ist. Sondern weil dort keine Ablenkung möglich ist. Kein Grübeln über gestern, keine Planung für morgen. Nur dieser Moment, dieses Gegenüber, diese Bewegung.
Eine KI kann Bewegungsmuster analysieren. Sie kann Fehler identifizieren. Sie kann Trainingseinheiten planen. Aber sie kann nicht das leisten, was ein Sparringspartner leistet: echte Gegenwärtigkeit. Und genau diese Gegenwärtigkeit ist es, die Kampfsport von reinem Fitnesstraining unterscheidet.
Der Handschlag nach dem Kampf – die Verbeugung, die Umarmung – ist kein Protokoll. Es ist der explizite Moment, in dem beide sagen: Du warst mein Gegenüber. Du hast mich wirklich gefordert. Du hast mich gesehen. Danke.
Das ist nicht sentimental. Das ist der Kern.
2. Warum du scheitern musst – und was KI-Training dir dabei wegnimmt
Mark Coeckelbergh, Technikethiker an der Universität Wien, warnt vor einer „Technologisierung des Selbst“: der schleichenden Übernahme von Entwicklungsprozessen durch die Logik der Optimierung. Schneller. Effizienter. Schmerzloser.
Das klingt nach Fortschritt, ist jedoch oft eine Falle.
Der Einbruch ist das Training
Jeder ernsthafte Athlet, jede ernsthafte Kampfsportlerin kennt den Moment nach dem Sparring: Was man zu können glaubte, funktioniert nicht. Was man für Technik hielt, war Theorie. Was man für Stärke hielt, war Illusion.
Dieser Moment tut weh. Nicht nur körperlich.
Coeckelbergh würde sagen: Dieser Moment ist nicht das Problem. Er ist der Anfang. Der Einbruch der eigenen Selbstvorstellung ist die Voraussetzung für echte Kompetenz. Wer ihn umgeht, durch ausweichen, durch rein technisches Training ohne Kontakt, durch nur Schwächere als Sparringspartner*innen, bleibt an der Oberfläche.
Im Kampfsport gibt es dafür einen ehrlichen Begriff: Mat Time. Zeit auf der Matte. Niederlagen sammeln. Demütigungen aushalten. Weitermachen. Es gibt keine Abkürzung. Die Tiefe kommt durch das Volumen des Scheiterns. Nur wer immer wieder auf die Matte steigt wird sich entwickeln.
Was KI-gestütztes Training optimiert – und was es zerstört
KI-Trainingstools haben echten Nutzen. Bewegungsanalyse, Verletzungsprävention, Trainingsplanung – das sind legitime Anwendungsfelder. Kein vernünftiger Mensch lehnt das ab.
Aber Coeckelbergh stellt eine unbequeme Frage: Was passiert, wenn das Unbequeme wegoptimiert wird?
Wenn der Algorithmus immer den nächsten überschaubaren Schritt vorschlägt. Wenn Feedback immer konstruktiv und motivierend ist. Wenn die App erkennt, dass du heute nicht in Form bist, und das Programm entsprechend anpasst.
Dann trainierst du vielleicht den Körper. Aber du trainierst nicht das, was Kampfsport wirklich vermittelt: die Fähigkeit, unter Druck zu funktionieren. Angst auszuhalten. Weiterzumachen, wenn Erschöpfung und innere Stimme gleichzeitig sagen: Hör auf.
Der Schwarzgurt-Irrtum
Viele Anfänger*innen denken: Wenn ich den Schwarzgurt habe, bin ich fertig. Der Widerstand hat sich gelohnt, jetzt kann ich aufhören zu scheitern.
Erfahrene Kämpfer*innen wissen: Der Schwarzgurt bedeutet, dass man jetzt wirklich anfangen kann zu lernen. Man versteht nun, wie viel man noch nicht weiß.
Shoshin, der Zen-Begriff für Anfängergeist, ist nicht die Haltung des Neulings. Es ist die Haltung des Meisters. Reife im Kampfsport bedeutet nicht, dass der Widerstand aufhört. Es bedeutet, dass man gelernt hat, ihn zu wollen.
3. Was zählt, ist die Wirkung – nicht die Zertifizierung
David Gunkel, Medienwissenschaftler an der Northern Illinois Univeristy, schlägt vor, die Art der Frage zu ändern. Weg von der Frage nach der Essenz. Was ist das genau? Ist das wirklich intelligent? Hat das echtes Bewusstsein? Hin zu Fragen nach der Beziehung und der Wirkung. Was geschieht hier? Was verändert sich durch diese Konstellation?
Die eigentliche Frage
Klassisch bewertet man Kampfsporttrainer*innen nach bestimmten Kriterien: Welchen Gurt hat er? Bei wem hat sie trainiert? Welche Methode verwendet er? Ist das wissenschaftlich fundiert? Welche Ausbildungen hat sie?
Gunkel würde sagen: All das ist nicht unwichtig, aber es ist nicht das Entscheidende.
Die entscheidende Frage ist:Was passiert im Unterricht zwischen dieser Trainerin und ihren Schüler*innen? Ein technisch mittelmäßiger Trainer mit echter Präsenz, der seine Schüler*innen wirklich wahrnimmt, der den richtigen Widerstand zum richtigen Zeitpunkt dosieren kann, der bewirkt mehr als eine mehrfach zertifizierte Methodikerin ohne Beziehungsfähigkeit. Die Wirkung konstituiert die Qualität.
Verantwortung auf der Matte – ohne Regelwerk
Im Sparring entsteht etwas Interessantes: ethische Verantwortung ohne explizite Regeln.
Ich passe meinen Druck an den Erfahrungsstand meines Partners an. Ich schlage nicht durch, wenn er verletzbar ist. Ich respektiere den Tap. Ich belaste nicht unnötig ein Gelenk. Ich kommuniziere, wenn etwas nicht stimmt.
Nicht weil jemand von Außen es mir sagt. Nicht weil ein Regelwerk es vorschreibt. Sondern weil wir gemeinsam auf der Matte sind. Die gemeinsame Praxis generiert Verantwortung. Gunkel nennt das relationale Ethik: Pflicht entsteht nicht aus abstrakten Prinzipien, sondern aus konkreter Beziehung.
Das ist auch der Grund, warum Kampfsport Persönlichkeitsentwicklung ist, nicht als Nebeneffekt, sondern strukturell. Wer regelmäßig in echter Beziehung trainiert, wer lernt, Verantwortung für sein Gegenüber zu tragen, der entwickelt etwas, das kein Fitnessprogramm der Welt liefert.
Was das für meinen Job bedeutet?
KI wird im Kampfsport eine wachsende Rolle spielen. Klug eingesetzt, kann sie das Training bereichern. Aber sie kann den Kern nicht ersetzen: die Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich wirklich aufeinander einlassen.
Das war vor zweitausend Jahren im antiken Ringkampf so. Es ist heute im Luta Livre, Boxen, Karate und Judo so. Und es wird so bleiben – egal wie gut die Algorithmen werden.
Über die Autoren der zitierten Positionen: Martin Buber (1878–1965) war österreichisch-israelischer Philosoph und Autor von „Ich und Du“ (1923). Mark Coeckelbergh ist Professor für Technikphilosophie an der Universität Wien und Autor von „AI Ethics“ (2020) und „Artificial Religion“ (2026). David Gunkel ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Northern Illinois University und Autor von „Robot Rights“ (2018) und „Person, Thing, Robot“ (2023).